Von der Wildblumenwiese
In der letzten Woche wurde bei uns eine neue Wildblumenwiese angelegt. Das machte mir ziemlich zu schaffen, da sich unsere Wiese nach der Baustellenphase wieder ganz gut erholt hatte, und ich wusste, dass man eine neue Wiesensaat nur aussäen kann, wenn man die vorherige Grasnarbe abschält und entfernt. Würde man die Samen auf die bestehende Wiese säen, hätten sie keine Chance aufzugehen.
Mich hat das sehr beschäftigt, es erschien mir einfach zu radikal. Ich habe mich gefragt, ob das wirklich so ökologisch und vertretbar ist, alles bisherige Wachstum zu entfernen und so eine große Fläche wieder auf den Nullzustand zurückzuführen. Zwischendurch wollte ich alles abbrechen und bei der jetzigen Wiese bleiben.
Meine Vision von einem wilden Wiesenort hat mich gestärkt, den Neustart zu wagen. Wenn der Widerstand zu groß wurde, habe ich durchgeatmet und bin innerlich zur Wildblumenwiese gereist mit all den wunderbaren Insekten, die in die Blüten eintauchten, und Vögeln, und allen ober- wie unterirdischen Lebewesen, die dadurch einen Lebensort finden würden … Dieses Verinnerlichen hatte eine große Kraft. Wir haben uns entschieden, es durchzuziehen.
Und es war radikal, aus der alten grünen Wiese wurde eine braune Erdkruste, und es wurden neue Schichten von Sand und Kompost darüber geschichtet, am Schluss die Saat ausgebracht und gewalzt. Es wird ca. 6 Wochen dauern, bis sich die ersten Keimlinge zeigen werden … wenn das Wetter mitspielt und es keine Überraschungen gibt.
So eine neu gesäte Erdfläche ist schon sehr verwundbar und offen. Die Samen liegen obenauf, sie sind nur angewalzt. Die Vögel sind natürlich begeistert über so viel Futter. Ausgerechnet jetzt hat der Bauer direkt neben der angelegten Fläche seine jungen Kühe auf die Weide gestellt. Sie sind berüchtigt für ihre nächtlichen Ausbrüche und Besuche bei Nachbarn … Bei der Vorstellung, sie könnten über die kahle Erdfläche trampeln, wird mir schlecht. Also haben wir doppelten Schutz in Form von Schafszäunen, Elektrobändern etc. angebracht. So eine frisch gesäte Wiese braucht Fürsorge, um zu wachsen und robust zu werden. Mir gefällt dabei die Tatsache, dass jeder Ort durch die besonderen klimatischen Bedingungen und Umstände eine andere Form von Wildblumenwiese hervorbringen wird.
Während dieses äußeren Wiesen-Wandlungs-Prozesses frage ich mich, wie sich wohl der innere menschliche Wandel zu einer ursprünglicheren, wilderen Form des Seins vollzieht? Braucht es auch hier diese Radikalität, dieses Abschälen alter Glaubensmuster und Verhaltensstrukturen, die mich daran hindern, mich in meiner menschlichen Einzigartigkeit und Buntheit zu leben? Gibt es hier nicht neben der persönlichen auch eine gesellschaftliche, kollektive Not nach Ursprünglichkeit und »Wildnis«? Wild im Sinne von: pur und wirklich; sich wieder als Teil der Erde zu erfahren und nicht getrennt von ihr; aus der linearen Bewegung in die wilden zyklischen Erdrhythmen zurückzufinden.
Und welche inneren Bilder und Visionen geben mir die Kraft und das Vertrauen, radikal und pur für (m)eine neue Geschichte zu gehen? Wie gelingt es mir, Inseln des Neubeginns anzulegen? Was könnte dabei die Kompostschicht sein? Habe ich die Fähigkeit und Geduld, diese Zeit des Anfangs auszuhalten und mich zudem vor Kräften, die das neue Wachstum verhindern wollen, zu schützen?
Weil das Neue nur langsam wachsend ins Leben findet, zuerst gesät, gepflegt, beschützt werden will, bevor es aus sich selbst heraus zu blühen beginnt.
Ich möchte Euch diese ersten Fragen herüberreichen, vielleicht wollt Ihr Eure eigenen dazusetzen. So dass auch hier ähnlich der Fülle eines Wildblütenmeeres die vielseitigen Blickwinkel auf Wandlungsprozesse ihren Nährboden finden können. Und mögen dann diese Fragen ihre Wirkung entfalten, und uns durch die Wandlungstore hindurchführen.
Greta Horn, September 2024