Wachstumsfreude
Jetzt ist es endlich soweit: der Frühling ist da. Im Garten sind überall die ersten zarten Blättertriebe sichtbar, die Krokusse blühen und weitere Frühlingsblüher sind kurz davor; die Vögel singen, der Milan kreist mäusesuchend über der Wiese … die Sonne auf meinem Gesicht ist wunderbar erwärmend.
Die Trägheit des Winters liegt noch in meinen Knochen, während ich im Garten umhergehe, um zu schauen, was es jetzt vorbereitend für die startende Gartensaison zu tun gibt. Auf meinem Küchentisch am Fenster stehen Töpfe mit frisch gesäten Tomaten, Broccoli, Kohlrabi, Rote Bete und Kräutern. Jeder neu geschlüpfte Keimling schenkt mir ein Lächeln: es ist für mich immer wieder so ein Wunder, dass aus so einem winzigen Samen so unbändige Lebenskraft hervorsprießt. Einerseits noch so zerbrechlich und schutzbedürftig und gleichzeitig so voller Wachstumsfreude.
Ich beobachte auch, dass nicht alle Samen austreiben. Es ist dieselbe Erde, Wassergabe und Ort und trotzdem gibt es da Stellen, an denen nichts wächst, und andere, da wachsen plötzlich mehr als ich dachte.
Ich frage mich, ob Wachstum vielleicht eine Form von Willkür in sich trägt und deshalb auch nicht kontrollierbar ist? Und ich spüre meine Enttäuschung darüber, wenn bei einer Sorte gar keine Samen aufgehen, auch wenn der Tüteninhalt bis zum nächsten Jahr haltbar sein sollte.
Interessant. Denn ich entdecke da diesen Anspruch in mir: Wenn ich alles richtig mache, dann kann ich doch auch erwarten, dass das Ergebnis meinen Vorstellungen entspricht und alle Samen sich danach richten.
Aber so ist es eben nicht. Aha.
Und das macht der Same auch nicht extra, sondern es IST einfach so.
Mir fallen Parallelen zu meinem eigenen Anspruch ans Leben auf. Dass alles von dem, was ich ins Leben bringen möchte, »aufgehen« soll. Und wie frustriert ich oft bin, wenn es nicht passiert.
Mehr noch, ich beginne, es persönlich zu nehmen, mich dafür zu verurteilen oder es als eine Bestätigung dafür zu sehen, dass ich eben nicht gut genug bin. Andere suchen dann vielleicht die Schuld im Außen, bei anderen Menschen oder den falschen Umständen oder wieder andere sehen das als Beweis dafür, dass es nichts bringt und resignieren.
Da braucht es so eine wache innere Beobachtung. Wenn wir nicht auf uns achten, dann verknüpft uns das Scheitern schnell und unbemerkt mit den alten Geschichten von »nicht genug« oder es »nicht wert« zu sein.
Wie wäre es, wenn es uns gelingen könnte, in dieser Beobachterrolle zu verweilen und einfach festzustellen: OK, dieser Same geht auf, der andere nicht. Und das IST so.
Wieviel Energie würde dadurch frei werden, wenn wir in diese persönlichen Verwicklungen und Triggerfallen nicht einsteigen würden, um anstattdessen mit voller Kraft weiterzugehen und wieder neue Wandel-Samen zu pflanzen. Sich freudvoll immer wieder neu auf die Welt einzulassen und zu wirken, egal, ob daraus mehr entsteht oder eben auch nicht.
Wenn ich das mal so tief hereinlasse, dass Wachstum etwas Überraschendes in sich birgt, sich nicht kontrollierbar, sondern lebendig und anders als erwartet vollzieht, dann entspannt sich etwas in mir und lässt los und es kommt eine schmunzelnde (Vor)Freude auf.
Greta Horn, 23.3.25