Der lange Atem des Korianders
Dies ist jetzt schon der dritte Sommer am neuen Ort, und ich erinnere mich daran, wie ich zu Beginn vor meinem Gemüsebeet stand und etwas überwältigt war von so viel freier Erdfläche. Damals habe ich entschieden, ein Beet nur für Koriander zu nutzen, da ich dieses Küchenkraut liebe und es im Tal nicht erhältlich ist.
Im ersten Jahr wuchsen ein paar sehr spärliche Pflänzchen mit maximal zwei Blättern. Ich schob es auf das Bergklima, auf zu viel Wind und zu wenig Wärme. Leicht frustriert überließ ich die Pflanzen sich selbst, sodass sich das Wenige aussamen konnte.
Im zweiten Jahr waren die Korianderpflanzen schon etwas zahlreicher, immer noch schwächlich, aber eindeutig sichtbarer und teilweise auch schon zu ernten. Wieder ließ ich sie blühen und Samen bilden.
Jetzt, im dritten Jahr, strotzt das gesamte Beet vor Korianderpflanzen – kräftig und gesund. Der Duft und Geschmack der Blätter sind umwerfend, die Blüten zauberhaft. Ich kann es kaum glauben.

Es hat also insgesamt drei lange Jahre gebraucht: dreimal durch die Jahreszeiten, immer wieder beginnen, blühen, Samen bilden und verwelken … bis sich die Pflanzen so angepasst haben, dass sie hier oben wunderbar gedeihen können.
Mich fasziniert, mit welcher Selbstverständlichkeit und Ausdauer die Natur sich anpasst, was für einen langen Atem sie hat und wie sie sich – je nachdem, was gebraucht wird – langsam, aber stetig weiterentwickelt.

Dies zu erkennen, hilft mir, mit meinen eigenen Entwicklungsschritten geduldig zu sein. Neue Gewohnheiten entfalten ihre Wirkung nicht von heute auf morgen. Es braucht Geduld und Beständigkeit, damit sie in mir wachsen und kräftig werden.
Manchmal braucht es mehrere Anläufe – vergessen und wieder beginnen –, bis das Neue in mir Heimat finden kann.

Vielleicht war das Heilsame, dass die Pflanzen trotz ihrer Schwäche bleiben durften und so ihren eigenen Rhythmus der Anpassung finden konnten.
Und vielleicht braucht es genau diese innere Haltung – Zuversicht, Selbstannahme oder auch die Bereitschaft, den Dingen Zeit und Raum zur Entfaltung zu geben –, damit in mir heilungsbringende neue Gewohnheiten wachsen dürfen.

Und so schicke ich dir heute meine Fragen vom Korianderfeld:
Welche neue Gewohnheit möchtest du in dir pflanzen?
Wie gelingt es dir, dafür inneren Raum zu schaffen?
Kannst du dir verzeihen, wenn du es wieder vergessen hast, und das Erinnern daran als Neubeginn nutzen?
Bist du bereit, dir mit Geduld und Liebe zur Seite zu stehen, um dem Neuen in dir eine Heimat zu geben?


Greta Horn, 29.6.26
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