Aufräumen
Es gibt im Garten noch so viel zu tun, ich versuche Schritt für Schritt die Chaos-Orte abzubauen. Nach der langen Baustellenphase hatte sich vor allem die meterlange Seite an der Steinmauer als Resterampe etabliert. Und diese nahm ich mir nun letzte Woche vor. Ich wühlte mich unter Einsatz aller Körperkräfte durch mehrere Abfallschichten hindurch: Zuerst die abgesägten Stücke der Terrassensteine, dann die nicht verlegten Kopfsteine aller Größen, darunter altes Baustellenmaterial, Betonreste, Metallteile, Scherben, Hölzer, und darunter eine Masse aus Erdresten, Steinen und allerlei Getier, das sich über die letzten Jahre dort eingerichtet hat.

Die Bodendeckerpflanzen der angrenzenden Steinmauer waren von oben so heruntergewachsen, dass sie die Chaosmasse auf dem Boden überwuchsen, so, dass diese in ein paar Jahren wahrscheinlich nicht mehr zu erkennen gewesen wäre. Der Bodendecker bekam also auch einen neuen »Haarschnitt«. Und so konnte man das erste Mal seit Einzug erkennen, dass es sich hier um eine beeindruckende Grüntenstein-Mauer handelte.
Während des Zurückschneidens hatte ich die ein oder andere Fantasie, von einer lauernden Schlange, die mich angreifen könnte, oder was auch immer aus diesen versteckten Steinmauer-Höhlen hinter dem Grün auf mich warten würde. Zur selben Zeit hatte ca. 200 m Luftlinie von uns entfernt im Wald ein Wolf ein Reh gerissen, daher sind Gefahren hier auf dem Berg nicht nur eine Illusion. Es beschlich mich zudem die Vorstellung, dass an diesen »vergessenen Orten« Gedankenformen der letzten Hausinhaber überlebt haben könnten, die seither hinter dem Grün versteckt auf uns einwirkten … sehr gruselig.

Ich befreite den großen Lavendel sowie den Beerenstrauch vom Griff des Bodendeckers und konnte spüren, wie die beiden Pflanzen durchatmeten. Am Schluss schnitt ich die abgestorbenen Äste der großen Wildrose ab, wobei die Dornen sich zur Wehr setzten und teilweise meine Haut durchbohrten.

Nach ein paar Tagen war ich fertig – und beeindruckt. Die Energie hatte sich total verändert, plötzlich war dort Licht und Leichtigkeit, das Wasser konnte wieder richtig abfließen, als wäre dem Platz Leben eingehaucht worden

Im Nachhinein wirkt dieses Aufräumerlebnis in mir nach, denn im Außen zeigt sich das Innen.

In mir sind Fragen: Wie verfahren wir Menschen mit unseren INNEREN »Müllreste-Ansammlungen«, wie gehen wir mit diesen angehäuften überlagerten Schichten des Vergessens um? Und was lauert an Gefahren, Ängsten oder auch alten Glaubenssätzen im Abgelegten?

Was tun wir, um diese vom Vergessen überwucherten Innen-Orte freizuräumen, damit das Wirkliche, Lebendige einziehen kann? Was braucht es, um alte Schichten/alte Geschichten von Trennung in eine neue Geschichte des Verbundenseins zu wandeln?

Und wie kann es uns gelingen, die Liebesgeschichte zu allem Lebendigen zu leben, in der die Erde ein heiliges lebendiges Wesen ist und wir Teil von ihr sind?

Ich würde mich sehr freuen, wenn Dich diese Fragen in Deinem Inneren bewegen würden. Oder vielleicht könnte Dich diese Geschichte zumindest dazu motivieren, bald im Außen so eine Altlaststelle abzubauen:-)

Greta Horn, Juli 2024
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