Winterwege
Die letzten Wochen habe ich bei meinen Gängen durch die Winternatur ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Boden unter meinen Füßen gemacht.
Schnee, Eis, Kälte und Tauwetter veränderten die Feldwege ständig – und mit ihnen meine Wahrnehmung.
Zuerst lag tagelang hoher Schnee auf den Wegen.
Wie erhebend ist es, eine neue Spur zu setzen: diese unberührte Landschaft vor mir und meine Schritte hinein. Doch wenn der Schnee zu hoch ist, kann das auch sehr mühsam sein. Jeder Schritt ist ungewiss, ich weiß nie, wie tief ich einsinken werde oder was unter der Schneedecke verborgen liegt. Jeder Schritt verlangt Präsenz.
Wie hilfreich ist es dann, wenn es bereits eine Spur gibt.
Wenn ich in die Fußstapfen einer Vorgänger*in trete, ist da bereits Stabilität angelegt, der Schnee hat sich verdichtet und ist trittfest. Das gibt mir Sicherheit.

Manchmal sind schon viele Menschen derselben Spur gefolgt: daraus kann einerseits ein schöner Wanderpfad entstehen, es kann aber auch so uneben werden, dass es überhaupt keinen Spaß mehr macht, diese Unebenheiten mit dem Körper ständig ausgleichen zu müssen. Dann braucht es wieder die eigene neue Spur.

Eine Erkenntnis hat mich besonders berührt: Wenn ich die Erste bin, die einen zugeschneiten Weg geht – und in den unberührten Schnee meine Spuren setze – weiß ich dennoch, dass unter dem Schnee ein Weg liegt.
Für mich fühlt sich das wie eine innere Führung an – ein Pfad, der nicht sichtbar ist, aber intuitiv die Richtung weist.

Nach dem Schneefall entstand durch Tauwetter und Frost eine dicke Eisschicht auf den Wegen. Was für eine spezielle Erfahrung für mich:
Gar keinen Halt zu haben, brauchte meine gesamte Konzentration. Alle Sinne waren in den Füßen, im Ausbalancieren, und die Angst, ständig ausrutschen und fallen zu können, latent anwesend. Erst mit Spikes unter den Füßen konnte sich mein Körper wieder entspannen – im Wissen um sicheren Halt.
Meine wichtigste Erkenntnis daraus: Wenn mir im Leben der Halt fehlt, brauche ich all meine Kraft und Konzentration, um mich zu stabilisieren. Und ohne eigenen Halt kann ich auch anderen keinen Halt geben. Umso kostbarer ist es, wenn es einen nahen Menschen gibt, der mich hält und (unter-)stützt, wenn ich es allein nicht mehr kann.

So wünsche ich dir und mir – mehr denn je – sicheren Boden unter den Füßen.
Bereitschaft und Abenteuerlust, unberührte Wege zu gehen und die eigene Spur zu setzen.
Die Weisheit, zu erkennen, wann es stimmig ist, den Spuren der anderen zu folgen.
Und das Vertrauen, dass unter allen verschneiten inneren und äußeren Landschaften ein Pfad angelegt ist, der uns auf unserer ganz eigenen Lebensreise weiterführt.

Greta Horn, 1.2.26
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