Die Geschichte vom Knochenbaum
Seit einem Jahr wohnen wir hier auf dem Berg. Während meiner vielen Rundgänge sind mir über die Monate vor allem zwei Bäume ans Herz gewachsen, beide ganz oben auf der Ellegghöhe, in Luftlinie vielleicht 100 Meter voneinander entfernt.
Der eine Baum, eine abgestorbene Tanne, riesig, majestätisch und eindrucksvoll. Der andere Baum, ein uralter Bergahorn, sieht von der Ferne wie ein einziger Baum aus, kommt man jedoch näher, wird deutlich, dass es den einen großen Stamm und daneben noch einige kleinere Bäume gibt, die aber von weitem eine Einheit bilden.
Unten vom Weg direkt beim Haus konnte ich beide Bäume sehen und irgendwann erschien es mir, als würde sich zwischen den zwei Bäumen und mir ein dreieckiger Verbindungsraum aufspannen. Ein tröstliches Gefühl an einem so neuen Ort.
Über die letzten Monate wurde der Platz, an dem der abgestorbene Baum in den Himmel ragte, ein heiliger Ort für mich. Und ein Kraftplatz. Ich taufte ihn KNOCHENBAUM, da mich seine kahlen Äste und der Stamm an uralte Knochen erinnerten. Er faszinierte mich, es war, als würde er mich in seiner ganzen Würde und Schönheit täglich an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern. Und auch an die Kraft der Ältesten und Weisen, der Vorfahren, und an das gelebte Leben, dass schon so viel älter ist als meines.
Letzte Woche wurde der Knochenbaum gefällt. An seiner Stelle liegt jetzt ein Schlachtfeld aus einem in Stücke gesägten großen Stamm, die Äste amputiert, haufenweise Äste und Gestrüpp. Und auch wenn er schon gestorben war, so wurde er doch erst jetzt vernichtet.
Ich bin seither oft oben gewesen. Einfach dort mit offenem Herzen. Es fühlt sich so an, als würde das Bezeugen einen Unterschied machen. Dass da jemand ist, der hinschaut und wahrnimmt und um ihn trauert.
Wenn ich jetzt zur Ellegghöhe hochschaue, dann grüßt mich noch der Bergahorn. Und auch wenn ich den Knochenbaum nicht mehr sehen kann, so hat er doch einen festen Platz in meinem Herzen. Deshalb widme ich ihm auch diesen Newsletter als Nachruf.
Greta Horn, Februar 2024